Angstvolles Männchen an eine Wand gelehnt

Angst

„Angst ist kein guter Ratgeber.“ Diesen Satz habe ich vor ein paar Monaten vom einem Arzt gehört, als ich bei einem Gespräch über verschiedene Behandlungsmöglichkeiten bei einer schweren Krebserkrankung dabei war.
Der Satz ist sicher nicht neu, die Erkenntnis auch nicht – und trotzdem hat er für mich und den Betroffenen im Gespräch damals viel bewegt. Dazu beigetragen hat auch, dass der Satz von einem Arzt kam, der sich wirklich zugewandt und gezeigt hat, dass er sein Gegenüber ernst nimmt – auch mit dessen Angst. Und der sich trotzdem nicht gescheut hat, diese Angst auch kritisch zu hinterfragen.

Manchmal sitzen wir unserer Angst auf. Gerade in sehr unsicheren Situationen ist Angst etwas ganz Normales. Wir wissen erstmal nicht, wie es weitergeht – das Alte ist quasi weg und das Neue noch nicht da. Das kann sich im besten Falle aufregend oder spannend anfühlen oder auch beängstigend. Geht es um die eigene Gesundheit oder die von lieben Menschen um uns herum, um das wirtschaftliche und soziale Überleben, überwiegt oft die Angst.

Vom Gestalttherapeuten Fritz Pearls ist der Satz „Angst ist Erregung minus Sauerstoff“. Das beschreibt ganz gut, was passiert wenn wir Angst haben: es wird eng. Die Luft bleibt uns weg, statt uns mobil zu machen mit mehr Sauerstoff und die Herausforderung anzunehmen, ziehen wir uns zusammen, auch muskulär, und machen uns eher starr. Und das Paradoxe ist, je mehr wir versuchen die Angst loszuwerden, desto stärker wird sie oft.

Und dann? Worum geht es bei der Angst? Anfangs habe ich darüber geschrieben, dass sie kein guter Ratgeber ist. Damit meine ich, dass es nicht klug ist, der Angst einfach nur zu folgen und sich zu verkriechen angesichts einer scheinbar mächtigen Bedrohung. Dennoch ist die Angst ein wichtiger und ernstzunehmender Hinweis an uns: Hier ist etwas im Gange, worauf wir keine sofortige und entspannte Antwort haben. Es lohnt sich hinzuspüren und nachzudenken, zu hinterfragen wie wir ganz automatisch mit dem Unbekannten und Bedrohlichen umgehen. Welche Muster sind dabei in uns aktiv, welche Stimmen melden sich und klagen, sind traurig, aggressiv, ungläubig, neugierig etc. Welche unserer spontanen Reaktionen möchten wir behalten, sind auch nach einem bewussten Innehalten in der gegenwärtigen Situation sinnvoll und welche möchten wir vielleicht überdenken und anders gestalten?

Angst zu haben ist die Voraussetzung um Mut zu entwickeln. Nur vor dem Hintergrund einer Einengung, können wir uns aufmachen, weiter gehen und uns entwickeln. Fritz Pearls sagt auch „Angst ist die Spannung zwischen dem Jetzt und dem Später“. Ich verstehe es so, dass es diese Spannung ist, die das Leben selbst ist. Sie ist unterschiedlich stark und wir bewerten sie manchmal positiv und manchmal negativ, je nachdem wie die Situation und das Umfeld ist und wieviel Freiraum wir selber spüren.

Was wir selbst immer tun können um wieder mehr in unsere Freiheit und aus der Enge zu kommen, ist zu atmen. Ein und aus. Und uns aufmerksam beobachten, wie wir mit unserer Angst umgehen, welche Impulse kommen, welche wieder gehen, und zur richtigen Zeit zupacken wenn wir mutig sind. Und wir können uns Unterstützung holen, wenn wir alleine nicht weiterkommen, ob bei Familie oder Freunden oder durch einen Coach oder Therapeuten. Auch dadurch, dass wir mit jemandem über unsere Angst sprechen, eröffnen wir uns neue Sichtweisen und können kreativer mit unserer Angst umgehen.

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